|
Manfred Leve, geboren 1936 in Trier, gehört
zu den wenigen Künstlerphotographen, die
ihre Sujets ausschließlich in der
Gegenwartskunst selbst finden. Seine
Lichtbilder von bildenden Künstlern
entstanden in der Regel im Dialog mit den
Dargestellten. Die Photographien von Gerhard
Richter, Sigmar Polke, Nam June Paik, Blinky
Palermo und Joseph Beuys präsentieren jedoch
nicht nur die Künstlerfreunde, sondern
zeugen zugleich von der wechselseitigen
Wertschätzung der jeweiligen künstlerischen
Arbeit. Dieses Einvernehmen begünstigt die
Entstehung von Bildwerken, die ein Ereignis
zugleich dokumentieren und ausloten. Daher
werden sie zu einer eigenständigen
synthetischen Leistung, zu einem Kunstwerk.
Nicht selten sind die Photographierten im
Kontext ihrer Arbeit gezeigt, beim
Arbeitsprozess im Atelier oder vor einem
abgeschlossenen oder entstehenden Kunstwerk.
Seine einfühlende Wahrnehmungsweise, die er
im Photographieren zu bestätigen und im
Photographierten zu bewahren sucht, hat
Manfred Leve dazu prädestiniert, jene
Ereignisse zu dokumentieren, welche in den
fünfziger Jahren zur Entstehung neuer
Kunstformen beitrugen. Manfred Leve wurde
der
Zeuge und der genuine Interpret der
flüchtigen Aktionen und Performances der
frühen Fluxus- und Happening-Bewegung, die
aus Darbietungen experimenteller Musik und
experimentellen Theaters hervorgegangen
sind. Ihm verdanken sich planmäßig erfasste
Bildserien, Bildsequenzen und Suiten jener
heute zu den paradigmatischen Ereignissen
der Kunstgeschichte nach dem Zweiten
Weltkrieg gehörenden Veranstaltungen. Nur
durch ihn sind sie auch für die Anschauung
der Nachwelt wirkmächtig geblieben. So hat
Manfred Leve die Aufführung von John Cage
Music Walk in der Düsseldorfer Galerie
22 von 1958, Sylvano Bussottis Brève für
Ondes Martenot solo am gleichen Ort im
gleichen Jahr, Nam June Paiks Hommage à
John Cage, 1959, Merce Cunninghams
Ballettabend in Köln mit Werken von John
Cage, 1960, und die Veranstaltung
NEO-DADA in der Musik, Kammerspiele
Düsseldorf, 16. Juni 1962, nicht nur
miterlebt, sondern als von den Akteuren
akkreditierter Photograph in gewisser Weise
mitgestaltet. Er gehörte gleichsam zum Plan
der Inszenierung. Daher sind seine Aufnahmen
mehr als Dokumente. Der mitwirkende
Photograph überwindet den Status des
dokumentierenden Teilnehmers. In seiner
Teilhabe hebt sich das Tatsächliche in einem
höheren Bildsinn auf.
Als
es für Photographen zu einer Modeerscheinung
wurde, Aktionen, Performances und Happenings
abzulichten und Photos zu machen und gleichzeitig
Filme und Videos gedreht wurden, ließ
Manfred Leve von diesem Sujet grundsätzlich
ab. Er besann sich auf neue photographische
Aufgaben und machte aus dem photographischen
Einzelbildnis die Porträtsequenz, die den
Künstler in Aktion zeigt. Er präsentiert
sich entweder verhalten und kaum bewegt oder
dynamisch und gestisch aktiv, vom
Lichtbildner in regelmäßigen Abständen
genommen. Bildnissequenzen wie die
Blinky Palermos, Nam June Paiks, Gerhard
Richters und Sigmar Polkes gehören zu den
Meisterwerken moderner Porträtphotographie.
|